Ich bin an die Orte gefahren […] und habe begriffen, dass man die Dinge kombinieren muss. Man muss wissen und sehen, und man muss sehen und wissen.

Claude Lanzmann, 1985

Ich bin an die Orte gefahren […] und habe begriffen, dass man die Dinge kombinieren muss. Man muss wissen und sehen, und man muss sehen und wissen.

Claude Lanzmann, 1985

Gedenkstättenpädagogik

Die Schülerinnen und Schüler des Elsensee‑Gymnasiums suchen seit vielen Jahren die Tatorte der Verbrechen des Nationalsozialismus auf. An diesen Orten des Gedenkens setzen sie sich mit den Geschichten der Opfer und Täter auseinander, kommen mit Zeitzeugen ins Gespräch, versuchen zu verstehen und einzuordnen, diskutieren miteinander und ziehen Rückschlüsse für ihr eigenes Leben. Die gesammelten Erfahrungen sind vielfältig und werden seit jeher mit der Schulgemeinschaft und der Gemeinde geteilt. In zahlreichen Projekten und Gedenkstättenfahrten wird somit das Erinnern fortgeschrieben, erweitert und immer wieder auf den Prüfstand gestellt. Die Schülerinnen und Schüler setzen sich diskursiv mit der vergangenen und heutigen Erinnerungskultur auseinander um Wege aufzuzeigen, auch weiterhin auf vielfältige Art und Weise erinnern zu können. Nicht um Betroffenheit zu erzeugen, sondern um das Bewusstsein aufrecht zu erhalten und zu erweitern, dass solche Taten zu verhindern sind, wenn Humanität und Courage treibende Werte unserer Gesellschaft sind.

Regelmäßige Gedenkstättenfahrten:

  • Bergen-Belsen und umliegende Kriegsgräberstätten (in Kooperation mit der VHS Quickborn und dem DBG Quickborn)
    12. Jahrgang (gesellschaftswissenschaftliches Profil) 
    Oktober / November
  • Oswiecim („Auschwitz“)
    SuS der Oberstufe
    April / Mai

Sehr geehrte Damen und Herren!

Wir, die Schüler des Elsensee‑Gymnasiums, haben vor einigen Tagen das Konzentrationslager Bergen-Belsen besucht. Dieser Tag sollte uns die deutsche Vergangenheit etwas näherbringen, etwas greifbarer machen. Doch als wir von einer Mitarbeiterin einen Überblick über die Geschichte des KZ erhielten, Massengräber besuchten, Zahlen, Bilder und Interviews mit den Zeitzeugen sahen, da schien das alles für uns noch ungreifbarer als je zuvor.

Was dort passierte, über 70 Jahre vor unserer Zeit an ein und demselben Ort, war uns fern von jeglicher Vorstellungskraft.

Wie können Menschen anderen Menschen solches Leid zu fügen? Und 70 Jahre was ist das schon…
Nach den Bildern zu urteilen, sieht es für uns nach einer ganz anderen Welt aus.
Schockierend, grausam, verstörend, fassungslos, menschenunwürdig…dies sind alles Wörter, die immer wieder fielen, als wir unsere Eindrücke vom KZ Bergenbelsen 1943-1945 miteinander teilten.

In der Ausstellung des KZ wurde unteranderem ein Film gezeigt mit Aufnahmen von der Situation im KZ 1945, als britischen Soldaten das Lager befreiten. Leichen türmten sich überall. Sie wurden mit Bulldozern in Massengräber geschoben, von Soldaten, die dem Gestank durch Benzingetränkte Tücher entkommen wollten. Wir hörten von Kindern, die neben ihren toten Vätern erwachten, die Spiele wie „Jude und Nazi“ oder „wer kommt am weitesten unter seine Rippen“ spielten. Wir sahen Bilder von Menschen, denen alles Menschliche genommen wurde. Natürlich war das für den ein oder anderen von uns zu viel und wir konnten diese Bilder nicht mehr anschauen. Es war eine unfassbare psychische Belastung. Und wir haben nur Bilder gesehen, 120 000 Menschen haben dieses Leiden selbst dort erlebt. 

Oft wird darüber diskutiert, ob es überhaupt das Richtige ist, uns Schüler solch einer Belastung auszusetzen. Hat das einen Sinn?  Was macht es mit uns, wenn wir 70 Jahre später an dieser Stelle stehen, als Bürger dieses Landes, die diese Geschichte nicht zu verantworten haben, aber trotzdem immer im Kontext dieser Ereignisse gesehen werden. 

Keiner von uns konnte sich mit diesen Ereignissen und Schandtaten identifizieren. Denn wir sind mit einem ganz anderen Gedankengut in einem Rechtsstaat mit Menschenrechten aufgewachsen.
Was wir erfahren haben, schien uns so unvorstellbar. Vor allem auch der Gedanke, dass es durchaus Systeme und Menschen in dieser Welt gibt, die anderen Menschen ihre Menschenwürde nehmen.

Aber trotzdem obliegt uns durch diese spezielle Vergangenheit eine ganz besondere Aufgabe. Die Aufgabe daraus zu lernen und es besser zu machen. Heute wissen wir es nämlich besser und genau deshalb ist es auch unsere Aufgabe dafür zu sorgen, dass so grausame Dinge nie wieder passieren dürfen. Wir sind nicht dafür verantwortlich und müssen uns nicht dafür rechtfertigen, was in der Vergangenheit passiert ist, aber dafür, was wir in der Zukunft daraus machen. Diese Erkenntnis ist ein Besuch des KZ Bergen Belsen und alle damit verbundenen Belastungen, die wir aufnehmen mussten, allemal wert. Unsere Pflicht ist es daraus zu lernen und das kann man nur, wenn man sich der Vergangenheit bewusst ist. Es muss uns und zukünftigen Generationen eine Lehre sein, denn wir sind nur dann Schuld, wenn wir nichts aus dieser Lehre machen und nicht eintreten gegen die Missachtung der Menschenwürde.

Vielen Dank für Zuhören!