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Neutras Erben: Schleswig-Holsteins unbekannte Moderne - ein Bericht aus Schule Aktuell

Schule Aktuell, Ausgabe Juni-Juli 2019

Barbara von Campe: Haben Sie auch schon einmal von einer großen Erbschaft geträumt? Endlich können Sie sich die vielen langgehegten Wünsche erfüllen! Aber was machen Sie, wenn Sie etwas erben, von dem Sie nicht wissen, was es ist? Wenn das Erbe zwar vor Ihrer Haustür liegt, aber Ihnen bislang gar nicht aufgefallen ist? Ist die Erbschaft gar eine Last? Sie brauchen Fakten. Sie brauchen detektivisches Gespür für notwendige Informationen, effektive Methoden und gute Ratgeber.

30 Schülerinnen und Schüler der 10b des Elsensee‑Gymnasiums Quickborn sind dem Aufruf des Europäischen Kulturerbejahres „Sharing Heritage“ gefolgt und haben Gebäude und Baugeschichte der Quickborner Richard-Neutra- Siedlung – „Schleswig-Holsteins unbekannter Moderne“ - untersucht. Als „Neutras Erben“ bekamen sie während des Projektes die Möglichkeit, die eigene unmittelbare Umgebung aus verschiedenen Blickwinkeln wahrzunehmen und sich im Sinne „Forschenden Lernens“ selbständig zu erschließen. Anwohner öffneten großzügig ihre Häuser. Experten für Stadtplanung, Architektur, Medien, Foto und Film standen beratend als Coach zur Seite.

Von September 2018 bis Januar 2019 fanden pro Monat dreistündige Workshops und Ortsbegehungen im Wechsel mit einstündigen Arbeitsphasen im Kunstunterricht statt. Aufgabe war es einerseits, sich über die Architektur der Siedlung und die Biografie des austro-amerikanischen Architekten Richard Neutra einen Zugang zu den Ideen der Moderne und großen Umbrüchen des 20. Jahrhunderts zu verschaffen. Andererseits sollte eine multimediale Online-Reportage erarbeitet werden, die das gemeinsame Erbe („Sharing Heritage“) sichtbar macht. Dazu mussten Methoden gefunden werden, die es ermöglichen, in Teams schnell, effizient und arbeitsteilig Inhalte zu recherchieren und dabei das komplexe Ganze zielorientiert im Blick zu behalten. Dafür wurde auf agile Methoden aus dem Prozessmanagement zurückgegriffen und versucht, diese auf Schule zu übertragen. 

Das Experiment

Kernelement sind flexible Strukturen mit hoher Eigenverantwortlichkeit. Ziel ist es, die Schülerinnen und Schüler in die Lage zu versetzen, sich selbst zu organisieren und in kleinen Teams Entscheidungen zu treffen. Aufgabenverteilung und Arbeitsaufträge ergeben sich aus selbstentwickelten Forscherfragen. Erkenntnisse werden in kurzen „Sprints“ schnellstmöglich in Arbeitsergebnisse umgesetzt. Die Kommunikation im Team und zwischen den Teams erfolgt analog und digital, im Unterricht und über einen eigens eingerichteten Workspace (Slack). Lehrende und Lernende arbeiten weitestgehend auf „Augenhöhe“. Fragen können so schnell im Chat oder in einer direkten Anfrage geklärt werden. Neben Eigenverantwortung und Selbständigkeit lauten die Schlagworte für das „Mindset“: Engagement, Freude an der Zusammenarbeit sowie Sach- und Lösungsorientierung. Alle sind mitverantwortlich, den Erfolg zu ermöglichen und Probleme frühzeitig zu benennen. Für dieses Projekt wurden eigene Redaktions-Zugänge in einer Cloud und auf einer Scrollytelling-Plattform angelegt, so dass Zwischenergebnisse (Sprints) für alle Projektbeteiligten sichtbar gesammelt werden konnten. In regelmäßigen Redaktionssitzungen konnten die Teams hierüber ihre Arbeiten vorstellen, testen und besprechen.

Die Recherche erfolgte vor Ort durch Wahrnehmen, Beschreiben und Analysieren der Architektur und mithilfe ausgewählter Literatur (Bücherkiste), Informationen aus dem Internet und Experteninterviews. Foto, Video- und Audiodateien wurden mit Smartphones (BYOD) erstellt. Dabei wurde medienpädagogisch vielschichtig und anspruchsvoll gearbeitet.

Das Fazit

Alle Beteiligten empfanden die Verbindung von Baukultur und Digitalität als Bereicherung. Methodenwahl und die Vernetzung von „digitalen“ und „analogen“ Wirklichkeiten führten zu einem Modell für die Vermittlung von Medienkompetenz. Agil und auf Augenhöhe waren zum Erstaunen der Lehrerin Laila Unger „alle bis zum Schluss voll dabei“. Zu den wesentlichen Voraussetzungen für das Gelingen dieses Modells gehörten: Offene Türen und Mut für neue Ideen, Schnelligkeit, Fehlerkultur, Offenheit, Teamgeist und Vertrauen.

Die Scrollytelling-Reportage ist im Netz zu finden unter: kulturerben-eu.pageflow.io/neutras-erben-schleswig-holsteins-unbekannte-moderne#193696 

Aktuell plant das Elsensee‑Gymnasium Quickborn gemeinsam mit dem Verein Kulturerben | Culture Heirs und „Schule trifft Kultur – Kultur trifft Schule“ eine fortsetzende Unterrichtseinheit zum Thema „Raum“. Kernstück ist die entstandene Lernplattform. 

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