Quickborner Tageblatt: 18.2.08
Deutsche Geschichte hautnah erlebt
Weg von den Schulbüchern, hin zur "Oral History": Gymnasiasten des zehnten Jahrgangs erlebten deutsche Geschichte "live".
Wie die Situation während des Zweiten Weltkriegs und nach Kriegsende in Deutschland war, erfahren Schüler meist nur aus den Geschichtsbüchern. "Das muss anders werden", dachte sich Lars Hellwinkel, Geschichtslehrer am Elsensee-Gymnasium. "Warum sollten wir nicht statt der Lektüre des Lehrbuches einmal Zeitzeugen befragen?" Über eine Schülerin in seiner zehnten Klasse wurde der Kontakt zu Senioren der Tagespflege "aktiv leben" hergestellt.
Wenige Wochen später saßen Horst Hansen (82), Adolf Müller (69) und Elfriede Radfan (91) den Gymnasiasten gegenüber. Teils mit Begeisterung, teils mit Betroffenheit lauschten die Jugendlichen den "wandelnden Geschichtsbüchern".
"Wir wurden damals aus Hamburg rausgebombt", erinnert sich Hansen. "Fast die ganze Stadt war kaputt, wir in Barmbek hatten noch Glück. Wir flüchteten nach Lübeck und lebten dort mit acht Leuten auf engstem Raum." Müller lebte auf Helgoland, als die Briten damit begannen, die zum Kreis Pinneberg gehörende Hochseeinsel zu bombardieren. Obwohl er erst vier Jahre alt war, haben sich die grausamen Bilder in seinem Kopf verewigt: "Der Leuchtturm fiel um, ich musste über Leichen steigen. Als wir auf dem Boot Richtung Küste fuhren, warf sich meine Mutter auf mich, um mich vor den Schüssen der Flugzeuge zu schützen."
Radfan verlor durch den Krieg nicht nur ihr Zuhause, sondern auch einen Teil ihrer Familie: "Zwei meiner Brüder sind gefallen, und mein Mann war fünf Jahre in russischer Kriegsgefangenschaft." Auch die Situation nach dem Krieg sei schlimm gewesen: "Wir hatten wenig zu essen. Oft sind wir nachts auf Felder und haben uns Kartoffeln geklaut." Und Müller ergänzte: "Manchmal hatten wir auch nur ein paar Kartoffelschalen zu essen."
Die Schüler waren bewegt von den Schicksalen ihrer Gäste und hatten jede Menge Fragen vorbereitet: "Waren Sie mit Juden befreundet?" und "Hat man in der Schule über die Konzentrationslager gesprochen?" "Das hat man nicht so mitbekommen", sagte Hansen. "Ich hatte auch jüdische Freunde. Man konnte doch seinen Freunden nicht sagen, dass sie keine Freunde mehr sind."
Alle Beteiligten waren sich später einig, dass diese "Oral History", diese Befragung von Zeitzeugen, eine spannende Alternative zum trockenen Unterrichtsalltag war.
von Christian Wermke